Wolfgang Völker*

"Fordernde Beratung" - Eine Aufforderung zum Widerspruch an die Adresse Sozialer Arbeit

Am 22. Januar 2002 hielt die Senatorin für Soziales und Familien, Birgit Schnieber-Jastram, an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Hamburg einen Vortrag mit dem Titel "Zukunft der sozialen Arbeit in Hamburg". In diesem Vortrag legt sie ihr Verständnis des Sozialstaats dar. Sie formulierte sechs Thesen, in denen die Themen behandelt werden, die bereits in den letzten Jahren für Diskussion in der sozialen Arbeit gesorgt haben: Es sind dies Aktivierung, Bürgerengagement, Geld und Qualität sozialer Arbeit, Steuerung und Durchführung sozialer Arbeit, Wettbewerb, Leistungsverträge und Zuwendungen.

Ich werde mich im folgenden darauf konzentrieren, den im Vortrag entwickelten Begriff der "fordernden Beratung" im Rahmen eines "aktivierenden Sozialmanagements" (Schnieber-Jastram 2002:5) zu betrachten. Dies scheint mir dringend nötig, da Beratung eine wesentliche Praxis und ein Anspruch innerhalb der verschiedenen Felder sozialer Arbeit darstellt. Und zu dem Beratungsbegriff kommt dem Vortrag ein programmatischer Charakter zu. Schnieber-Jastram beansprucht implizit, konzeptionelle Aussagen für die professionelle Praxis sozialer Arbeit zu machen. In ihrer Rede wird ein bestimmtes Konzept der Beratung als Kennzeichen des modernen Sozialstaats benannt: "...der moderne Sozialstaat wird - vor allem im Bereich der Sozialhilfe - einen anderen Aspekt der Hilfe in den Vordergrund der sozialen Arbeit stellen müssen, nämlich die beratende Hilfe. Und hier ist nicht die Beratung gemeint, welche Sozialleistungen stehen dem hilfesuchenden Klienten zu, sondern welche Lösungsmöglichkeiten gibt es, damit der hilfesuchende Bürger die Sozialleistung erst gar nicht oder nur kurz in Anspruch nehmen muss." (ebda.). Dies schließe "auch die 'fordernde' Beratung im Sinne verbindlicher Hilfsangebote speziell für Jugendliche ein" (ebda.). Dabei wird betont, dass mit solchen Konzepten erfahren werden könne, "dass etwa Sozialhilfe als Leistung der Gemeinschaft durchaus mit einer Gegenleistung an die Gemeinschaft verbunden werden kann." (ebda. 6).


"Fordern" und Existenzsicherung


Die "fordernde Beratung" oder "beratende Hilfe" wird abgesetzt von einem traditionellen Verständnis, das Hilfe "vorrangig als materielle und alimentierende Hilfe" (ebda.) auffasse. Die in diesem Zitat formulierte Charakteristik moderner Sozialstaatlichkeit, nämlich beratende Hilfe, fordernde Beratung, Verbindlichkeit und Gegenleistung deckt sich mit dem mainstream neuerer Positionen zum modernen Sozialstaat. Um nur ein Beispiel zu zitieren: "Der Sozialstaat ist nicht nur eine Maschinerie der Rechte- und Güterverteilung an den einzelnen Bürger, sondern fordert vom Bürger und fördert beim Bürger Engagement und eigenen Einsatz zur Überwindung sozialer Schwierigkeiten und Probleme ( Bertelsmann Stiftung u.a. Handbuch Beratung und Integration , Gütersloh 2002: 23).
Ein moderner Sozialstaat ist nach diesem Verständnis ein aktivierender Sozialstaat. Die Methode, mit der dieser Sozialstaat Bürgerinnen und Bürger aktivieren will, ist die des "Förderns und Forderns". In fachlichen und politischen Diskussionen z.B. über die Hilfe zum Lebensunterhalt benutzen Vertreter des aktivierenden Sozialstaats auch das Argument, dass "nur Geld auszahlen" eine unwürdige Praxis der Hilfe sei. Die Unterstellung in diesem Argument ist zweifellos, dass Menschen auf diesem Weg in ihrer prekären sozialen Lage ohne Hilfe finanziell "abgespeist" würden. Ja mehr noch, es wird damit zudem unterstellt, dass sie mit ihren Ansprüchen und Wünschen an eine aktive Teilnahme am öffentlichen Leben nicht ernst genommen werden. Darin kommt eine systematische Abwertung der existenzsichernden Funktion von sozialen Leistungen wie Sozialhilfe zum Ausdruck. Denn das Argument lautet ja nicht, dass die Höhe der Hilfen zum Lebensunterhalt unzureichend sei. Im Gegenteil, unterstellt wird eine ausreichende Hilfe. Die dringend notwendige Diskussion um die materielle Höhe ist mit diesem argumentativen Schritt systematisch unterbunden.

Eine sinnvolle Beratung ist aber nur möglich, wenn die zu beratenden Personen die Gewissheit haben könne, dass zumindest ihre minimale Existenzsicherung nicht gefährdet ist. Eben dieser Zusammenhang zwischen Existenzsicherung und der Entwicklung individueller Lebensperspektiven wird von Schnieber-Jastram nicht mehr thematisiert. Der soziale Schutz und die relative Sicherheit, der durch "materielle und alimentierende Hilfe" gewährt wird, und die den Aufbau einer Lebensperspektive überhaupt erst möglich macht, wird umgedeutet in ein Mittel der Verhinderung von Integration. Die häufige Verwendung des Begriffs der Alimentierung und der Abhängigkeit soll das populäre Bild der "sozialen Hängematte" hervorrufen und behauptet damit den Verlust des Willens zur Selbstbestimmung auf Seiten der Hilfeberechtigten. Ist der Gegner erst einmal auf diese Weise aufgebaut, so wird in der Regel ein Paradigmenwechsel angemahnt: Sozialhilfe müsse als komplexe Dienstleistung begriffen werden, die die Loslösung von der Sozialhilfe in den Vordergrund stellt und für dieses Ziel geeignete Beratungsprozesse organisiert.

Nun könnte eine Entgegnung auf solche Positionen sich mit dem Hinweis bescheiden, wie weit entfernt die Praxis der Sozialhilfegewährung in den Ämtern Hamburgs und anderer Städte von der Phantasie des einfachen Geld-Abholens ist. Die Realität erzählt andere Geschichten: z.B. kommen manche Hilfesuchende nur mit professioneller Unterstützung an der Rezption vorbei, um ihren Antrag stellen zu können; z.B. verweisen Sozialämter als arbeitsfähig eingeschätzte Hilfesuchende immer wieder pauschal auf die freien Arbeitsplätze des Hamburger Arbeitsmarktes oder auf geringfügige Beschäftigung; z.B. wird schon mal auf die Schriftlichkeit einer Antragsablehnung verzichtet oder die Berechtigung eines Anspruchs auf den Mehrbedarf für allein Erziehende in Frage gestellt.


"Fordern" und kritische Sozialarbeit

Doch angesichts der Tatsache, dass "fordernde Beratung", "Fördern und Fordern", "Verbindlichkeit" auch in der sozialpädagogischen Profession Zustimmung erfahren, sind noch weitere Argumente angebracht.

Fordernde Beratung ist autoritär.
Indem die existenzsichernde Funktion von Hilfeleistungen gegenüber dem Ziel der Loslösung von der (Sozial)Hilfe herabgesetzt wird, kommt es zu einer Abstufung und Geringschätzung des individuellen Rechtsanspruchs auf Existenzsicherung. Die logische Folge ist nicht nur die Verabschiedung von Beratungsansätzen, welche das Ins-Recht-Setzen von Hilfesuchenden verfolgen, sondern die Verknüpfung von Beratungsleistung und materiellen Hilfen mit "Gegenleistungen". Es ist ein Merkmal von sich als modern begreifenden aktivierenden Instrumentarien, dass sie autoritär sind: "Das Modell des 'aktivierenden Sozialmanagements ' oder der 'Hilfe zur Selbsthilfe' ist für alle Beteiligten schwieriger und unangenehmer (...). Der Unterstützungsempfänger wird gefordert und nicht nur versorgt, der Sozialarbeiter muß eine zeitaufwendige und individuelle Betreuung und eventuelle auch eine unangenehme Antreiberfunktion übernehmen(...)" (Schnieber-Jastram 2002: 6).

Fordernde Beratung dirigiert paternalistisch.
Im Diskurs des aktivierenden Sozialmanagements verbinden sich moderne, technologische Begrifflichkeiten mit Begriffen aus dem Wortschatz des fürsorglichen Paternalismus, vom dem sich dieser Diskurs doch abzusetzen glaubt. Mit "individueller Betreuung" und "Antreiberfunktion" werden die Verhältnisse zwischen hilfesuchenden BürgerInnen und aktivierenden Institutionen und Professionellen deutlich strukturiert. Die unmittelbare Beziehung zwischen den BürgerInnen und z.B. ihren FallmanagerInnen gewinnt noch größere Bedeutung, weil mit Sanktionen und Anreizen gearbeitet wird. Der Paternalismus sollte nicht verwundern, denn das Wissen, was für die Bürger-Klienten-Kunden gut ist, gehört zur Grundausstattung der Regierung des aktivierenden Staates. Die Ziele der Bemühungen stehen von vornherein fest, ob sie nun Loslösung aus der Sozialhilfe, Integration in irgendeine Erwerbsarbeit oder Ausstiegsorientierung aus der Sucht heißen.
Fordernde Beratung ist herrschaftliche Kommunikation.

Integration wird im Rahmen dieses aktivierenden Verständnisses primär als Integration in (irgendeine) Arbeit verstanden. Das "Fordern" ist die Anwendung von Sanktionen, die "Eigenbemühungen" in einem vorgegebenen Zielrahmen bewirken sollen. Trotz aller Behauptung von den BürgerInnen als Ko-Produzenten der sozialen Dienstleistung sind die beiden ProduzentInnen mit unterschiedlicher Macht ausgestattet. Die Ämter bleiben "Herren des Verfahrens" und interpretieren die Regeln. Aus der Sicht der BürgerInnen befördern sie daher deren Ungleichheit, Abhängigkeit und Verlust der Selbstbestimmung. Worin liegt in diesem ungleichen Verhältnis die Macht des hilfesuchenden Bürgers? Er hat lediglich die Wahl zwischen Mitwirken, Ausschöpfen der rechtlichen Möglichkeiten oder der Verabschiedung von den eigenen Ansprüchen. Diese eingeschränkten Möglichkeiten sind weit weg von dem, was in aktueller Fachliteratur zum Thema (sozialer) Beratung geschrieben wird.

Vor diesem Hintergrund zeigt sich schließlich, welche soziale Arbeit kritisiert wird. Es ist eine, die unter den Bedingungen des traditionellen, "fürsorglichen Wohlfahrtsmodells" eine kritische professionelle Praxis entwickeln will. Diese soziale Arbeit versteht sich als emanzipatorisch und parteilich. Soziale Konflikte und Probleme sind in ihrem Selbstverständnis nicht Ergebnis von individuellem Fehlverhalten, sondern Ausdruck von gesellschaftlichen Verhältnissen zwischen Menschen, die auf sozialer Ungleichheit und Konkurrenzverhältnissen fußen. Im Rahmen eines solchen Verständnisses muss Beratung als "Aushandlungsprozess mit offenem Ende" (Bartelheimer/Reis 2001:124) verstanden werden, denn die Adressaten sozialer Arbeit werden als ExpertInnen ihrer Lage ernst genommen.

Ein solches "offene Ende" widerspricht jedoch der "ergebnisorientierten" Ausrichtung modernisierter Sozialverwaltungen. Ein solches Verständnis widerspricht auch der Forderung nach Gegenleistungen, die Bürger für Sozialleistungen zu erbringen hätten. Der Gedanke der Gegenleistung geht nämlich weit über die üblichen gesetzlichen Mitwirkungspflichten hinaus: "Für erwerbsfähige Arbeitslosen- und Sozialhilfebezieher werden wir die finanzielle Unterstützung an die Pflicht binden, an Weiterbildungsmaßnahmen teilzunehmen, sich auf andere Weise für eine Rückkehr in den Arbeitsmarkt zu qualifizieren oder gemeinnützige Arbeit zu leisten. Für Ausländer können Deutsch-Lehrgänge hinzutreten." (CDU/CSU: Regierungsprogramm 2002 - 2006: Arbeit und Wohlstand für alle). Dies ist "workfare" statt "welfare" in Reinkultur.

"Fordern" fördert soziale Verunsicherung
Angesichts der oben benannten Tendenz der Abwertung materieller Existenzsicherung ließe sich fast von einer Modernisierung der Verelendungstheorie sprechen: gab es in deren Rahmen die trügerische Hoffnung auf Revolution, so gibt es heute den hoffnungsvollen Zwang zur Aktivierung bei Strafe der Kürzung des Existenzminimums. Hier trifft sich die aktivierende Sozialarbeit mit den neoliberalen ökonomischen Lehrbuchdarstellungen: Die Sozialleistungen und Anspruchslöhne seien zu hoch, die BürgerInnen "rationale Schmarotzer", deren (Erwerbs)Verhalten nur von Kosten- Nutzen -Kalkulationen gesteuert sei.

Der Gedanke, dass die Sicherung der eigenen Existenz die Basis darstellt für jegliche Erweiterung subjektiver Handlungsspielräume, geht in diesem Denken völlig verloren. Denn subjektive Unsicherheit und Verunsicherung ist die Grundlage dieser Variante der Eigenverantwortung: Unsicherheit und Verunsicherung gelten als antreibende Kräfte für die staatliche Leistungen nachfragenden BürgerInnen. Schließlich sollen alle BürgerInnen zu Unternehmern ihrer selbst oder ihrer eigenen Arbeitskraft werden und das eigene Leben als Risiko selbstverantwortlich tragen.

Für diejenigen, welche diesem Ideal nicht entsprechen können, wiederholt das modernisierte Sozialstaatsverständnis ganz klassische Prinzipien des Umgangs mit armen Menschen . Zunehmend können wir nämlich wieder die Aufteilung der Unterklassen in würdige und unwürdige Arme anhand des Kriteriums der Arbeitsfähigkeit wahrnehmen. Den würdigen wird die materielle Versorgung zugestanden: "Wer sich nicht selbst helfen kann, steht unter dem Schutz der Gemeinschaft ohne Wenn und Aber. Wie hoch Werte wie Mitmenschlichkeit und Solidarität in einem Gemeinwesen angesiedelt sind, zeigt sich darin, wie es mit Behinderten und Kranken umgeht. Wie fair und gerecht eine Gesellschaft ist, zeigt sich darin, ob sie einem Gestrauchelten die Hand reicht, um Aufzustehen und selbst weiterzugehen." (Schnieber-Jastram 2002:10) . Für die Unwürdigen und Gestrauchelten bleibt die (Selbst)Aktivierung, die "fordernde Beratung" und die Pflicht zur Gegenleistung in Form von gemeinnützigem Verhalten.


Beraten und Respektieren statt Fördern und Fordern

Im Rückblick auf die Auswertung des Modellprojekts Sozialbüros in Nordrhein-Westfalen formulieren Bartelheimer/Reis "konkrete Anforderungen an die Ausgestaltung von für Sozialberatung" in prekären materiellen Lebenslagen:

1. Unabhängigkeit der Beratung
Sozialberatung "muß fachlich unabhängig sein, d.h. die Herstellung eines 'Arbeitsbündnisses' und die Aushandlung von Zielen soll möglichst wenig durch äußeren Druck auf die Beratenden und Ratsuchenden beeinflußt werden". (Bartelheimer/Reis 2001: 125)
2. Offener Zeithorizont der Beratung
Sozialberatung "muss hinreichend Zeit zur Verfügung stehen, damit ein Aushandlungsprozeß überhaupt in Betracht kommt bzw. abgeschlossen werden kann". (ebda)
3. Vertraulichkeit der Beratung
Sozialberatung "muß vertraulich sein, d.h. die Ratsuchenden müssen wissen, dass ihre Äußerungen für sie keine nachteiligen Folgen haben." (ebda.)
4. Beteiligung in der Beratung
Die Fachkräfte "müssen den Beratungsprozess so gestalten können, dass den Ratsuchenden Raum für eine Stellungnahme zum Gesprächsergebnis und zur Entscheidung über Schritte der praktischen Umsetzung bleibt" (ebda.).

Freiwilligkeit, Freiheit von der Verpflichtung zu Gegenleistung und Steuerung des Beratungsprozesses "durch die Beratungsanlässe und -fragen der Ratsuchenden" (Bartelheimer/Reis 2001: 124) sind konstitutive Merkmale einer sozialpädagogischen Praxis, in der die Professionellen nicht vorgeben zu wissen, was gut für "die Klienten" ist. Eine so verstandene Beratung ist " Unterstützung und Anregung für selbstbestimmte Entscheidungen und selbstverantwortliche Problembewältigung durch die Ratsuchenden. Beratung macht sich damit die Achtung vor der Autonomie der KlientInnen zu eigen." (Nestmann/Sickendiek 2001: 141) Sie versteht sich als "parteinehmende Praxis, die gestützt auf Persönlichkeits- und Gesellschaftstheorie durch reflektierte Beziehungen und Erschließen von Hilfequellen verschiedener Art das Unterworfensein von Menschen unter belastende Situationen verändern will." (Frommann/ Schramm/ Thiersch 1976: 739).

An solche fachlichen Ansprüche, die zunehmend verloren gehen, möchte ich dringend erinnern. Diese Erinnerung richtet sich nicht nur gegen die Vereinfachung und Verkürzung sozialpädagogischer und sozialpolitischer Diskussionen, sondern auch dagegen, dass allenthalben mit dem Ziel der Effektivierung der Angebote eine Renaissance von Sozialtechniken erfolgt. Argumente der Sozialtechnik sind "Personenorientierung", "individuellen Bedarfsorientierung" und "Passgenauigkeit" der Hilfen. Damit werden Methoden der Problemidentifikation und der Hilfeplanung eingeführt, die der kritischen Analyse bedürften: Es sind dies die Methoden des Profiling, des Assessment, der Hilfeplanung und der Eingliederungsvereinbarungen. Alle diese Angebote z.B. im Rahmen der Hilfen für erwerbslose Menschen sind verpflichtende "verbindliche" Angebote und erfüllen daher nicht das für eine gelingende Beratung zentrale Kriterium des freiwilligen Zugangs. Dagegen sind diese Verfahren gut geeignet, Menschen anhand von verschiedenen (z.B. Nützlichkeits-)Kriterien zu kategorisieren. Sie erheben - selbst wenn sie im Rahmen der Unfreiwilligkeit beanspruchen, Sicht, Deutungen und Wünsche der Klienten zuzulassen - gegenüber den zwangsberatenden Personen den Anspruch objektiver Beurteilungen und der Feststellung rationaler Entscheidungsgrundlagen für weitere Handlungen im Rahmen des Hilfeverfahrens. Diese modernisierten Beratungsmethoden sind Versuche der Steuerung der individuellen Bedarfe aus der Halb-Distanz. Profiling- und Assessmentverfahren werden häufig nicht von Arbeits- und Sozialämtern selber durchgeführt, sondern von beauftragten Dritten. Diese Angebote befinden sich räumlich und personell in Distanz zu den Institutionen, die mit Sanktionsmöglichkeiten ausgestattet sind. Die Teilnahme an diesen Verfahren ist nicht freiwillig und die Arbeit der beauftragten Dritten ist Bestandteil der institutionellen Vorgaben und Ziele. Die Kategorisierung und Stigmatisierung erfolgt explizit unter Einbezug der Betroffenen erfolgt. Deren Selbst-Aktivierung (im vorgegebenen Rahmen) ist die Basis der Wirksamkeit dieser Methoden. Die Zumutungen und Anforderungen von Verhältnissen werden in die Regie des Verhaltens der Einzelnen gegeben, die damit für die Gestaltung ihres Lebens verantwortlich sind.

Soziale Arbeit ist durch den Doppelcharakter von Hilfe und herrschaftlicher Kontrolle gekennzeichnet. Das wissen gerade auch diejenigen, die eine parteiliche, kritische Praxis sozialer Arbeit versucht haben und versuchen. Was derzeit unter Labels wie "Fördern und Fordern", "Aktivierung", "Fordernde Beratung" geschieht, ist der Versuch, die disziplinierende, normierende, herrschaftlichen Seite einseitig zu modernisieren und zu stärken. Dieser Versuch der Stärkung zielt last not least auf unsere Köpfe als professionelle Akteure im sozialpädagogischen Feld. Als Gegenwehr scheint mir dreierlei erforderlich: Erstens eine kritische Diskussion dieser Leitbegriffe und ihrer Umsetzung in einzelnen Arbeitsfeldern ("Was sind die Alternativen?"), zweitens öffentliche Korrekturen der im Rahmen des Aktivierungsdiskurses produzierten Bilder über die Lebensrealität am unteren Ende der Gesellschaft und drittens und zentral das Beharren auf der Forderung einer materiellen Existenzsicherung für Alle ohne beschämende Rechtfertigungsprozeduren. Gefördert werden muss diese Forderung.

Literatur:
Bartelheimer, Peter / Reis, Claus: Beratung als Dienstleistung in der Sozialhilfe: das "Modellprojekt Sozialbüros", in: Nachrichtendienst des Deutschen Vereins NDV Heft 4/2001, S. 122 - 128

Bertelsmannstiftung, Bundesanstalt für Arbeit, Deutscher Landkreistag, Deutscher Städtetag, Deutscher Städte- und Gemeindebund (Hrg): Handbuch Beratung und Integration. Fördern und fordern - Eingliederungsstrategien in der Beschäftigungsförderung, Gütersloh 2002

CDU/CSU: Arbeit und Wohlstand für alle - Regierungsprogramm 2002 -2006, www.cdu.de
Nestmann, F./ Sickendiek, U. : Beratung, in: Handbuch Sozialarbeit Sozialpädagogik, Neuwied 2001, S. 140 - 152

Fromann, A./ Schramm, D./ Thiersch, H. :Sozialpädagogische Beratung, in. Zeitschrift für Pädagogik, 22. Jg. 1976, S. 715 - 742

*Autorenangaben:
Wolfgang Völker, Dipl. Päd., Mitglied der Redaktion der Zeitschrift Widersprüche (www.kleine-verlag.de);
w.voelker@mail.netwave.de
Der Text fußt u.-a. auf Diskussionen in der AG Sozialhilfe der SOPO und der Arbeitsgruppe "Roter Faden", die sich im Anschluß an das 1.Sozialforum in der Christuskirche gebildet hat.